Buchrezension – Joshua Ferris: »ins freie«

Tim Farnsworth ist erfolgreicher Partner in einer New Yorker Anwaltskanzlei. Er liebt seine Frau und seine siebzehnjährige Tochter und hat weder finanzielle noch andere Sorgen. Dennoch verlässt er eines Tages sein Büro und geht wie von einer fremden Macht gesteuert Meile um Meile, bis er vollkommen erschöpft zusammenbricht und eine Stunde lang in tiefem Schlaf versinkt. Sobald er erwacht, ruft er seine Frau an. »Es geht wieder los«, sagt er nur.

Im Folgenden erfährt der Leser, dass Tim diese Losgeh-und-Schlaf-Anfälle nicht zum ersten Mal erlebt. Sie kehren im Abstand von mehreren Jahren immer wieder, halten einige Wochen oder Monate an und vergehen von selbst wieder. Kein Arzt, kein Therapeut, kein Schamane oder sonstiger Spezialist vermag Tim mit einer Diagnose, geschweige denn mit einer Therapie zu helfen.

Nach diesen rätselhaften Phasen des zwanghaften Loslaufens bis zur völligen Erschöpfung kehrt Tim jedes Mal zur Normalität zurück, als wäre nie etwas passiert, dankbar, wieder das Idealbild des erfolgreichen und gesunden Mannes leben zu können. An seiner Frau Jane gehen diese Episoden jedoch weniger spurlos vorbei. Tag und Nacht hat sie sich auf den Weg gemacht, Tim zu suchen, um ihn vor sich selbst, der Witterung und den zweifelhaften Gestalten der Nacht in Sicherheit zu bringen, hat ihn verarztet und monatelang nach der perfekten Outdoor-Ausrüstung recherchiert, da ihr Mann an Händen und Füßen bereits mehrere Erfrierungen erlitten hat. Jedes Mal, wenn Tim wieder in seinen Alltag zurückgeht, bleiben sie und die gemeinsame Tochter Becka wieder ein wenig ratloser, aber auch immer kaputter zurück, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das einst so stabile Familienkonstrukt zu zerbrechen droht…

Spannend, traurig, lustig, schön!

Fein komponiert sind die – dem Grundton der Geschichte angemessen – rar gesäten humoristischen Einschübe des Autors, beispielsweise wenn er Tims Erinnerung an den Versuch schildert, seinem Problem mit Hilfe einer inszenierten Wiedergeburt beizukommen, oder wenn er ein Restaurant von Beleuchtung und Ambiente her als für Heiratsanträge und Trennungen gleichermaßen geeignet beschreibt.

Außerdem sehr gelungen: Die Einflechtung der Kriminalgeschichte, im Rahmen derer Tim den des Mordes an seiner Frau verdächtigten R.H. vertritt und – überzeugt von dessen Unschuld – hilflos mit ansehen muss, wie der vermeintlich wahre Täter Spielchen mit ihm spielt.

Mit seinem zweiten Buch hat Joshua Ferris eine der ungewöhnlichsten und beeindruckendsten Lebens- und Liebesgeschichten geschrieben, die ich seit Langem gelesen habe. Eine Tragödie, die so leise und gleichzeitig gewaltig daherkommt, dass sie noch lange nachhallt – phantastisch übersetzt von Marcus Ingendaay.

Hier geht’s zur Leseprobe!


Joshua Ferris, »ins freie«

Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay

btb Verlag

Broschur, 352 Seiten

ISBN 978-3-442-74399-5

€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90

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